canl sohbet
You are here: Start Reiseberichte Reisebericht Südafrika

Reisebericht Südafrika

am Samstag, 21 Januar 2012. geschrieben in Aktuelles, Reiseberichte

“Keine Angst vor großen Tieren“

Erlebnisbericht eines Wildnisführers über seinen Alltag im südafrikanischen Busch

Seit Januar 2010 bin ich, Frank Weitzer aus Grimmen, im südlichen Afrika als Field-Guide und Ranger tätig. Nach abgeschlossenem Studium der Anglistik/Amerikanistik und Erziehungswissenschaft an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und mehrjähriger Tätigkeit als Sozialpädagoge habe ich mich beruflich noch einmal umorientiert und mir mit meiner Ausbildung zum Wildnisführer einen Kindheitstraum erfüllt.

Jeden Tag in der freien Natur und mit wilden Tieren zu verbringen bedeutet für mich Arbeiten mit allen Sinnen, ebenso aber auch Reflexion und Meditation, es erfordert, den eigenen Lebensrhythmus wieder der Natur anzunähern.

Kontinuierliches Lernen, Beobachten und Analysieren lassen das Leben im Busch zu einer Entdeckungsreise der Klaviatur der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt werden und führen nicht zuletzt zu einem ausgewogenerem Verständnis unserer eigenen Existenz.

Was sich hinter der Berufsbezeichnung ‘Wildnisführer‘ verbirgt, welche Hürden man während des Studiums bewältigen muss und wie sich der Alltag im Busch gestaltet, darin soll der folgende Bericht einen kleine Einblick gewähren.

 

 

 

Umfangreiches und anspruchsvolles Studium der natürlichen Umwelt

Nach längeren Reisen, vor allem in tropischen Gefilden unseres Planeten, wo ich mit wachsender Begeisterung als Volontär in diversen Nationalparks arbeitete und das komplexe Zusammenspiel der Ökosysteme kennenlernte, reifte in mir vor drei Jahren der Wunsch, den Beruf des Wildnisführers oder Rangers von der Pike auf zu lernen.

Eingehende Internet-Recherchen ließen mich schnell erkennen, dass der geeignete Ort dafür Südafrika war. Die Ausbildung zum Field- und Safari-Guide hat dort schon seit langem eine institutionelle Verankerung gefunden, und die Zulassungsvoraussetzungen für die Ausbildung gelten auch für potentielle Bewerber aus dem Ausland.

Dem erfolgreichen Auswahlverfahren schloss sich unverzüglich ein intensives Studium mit ausgeprägter praxisbezogener Ausrichtung an.

In verschieden Trainingscamps, im und um den Krüger-Nationalpark gelegen, lernten wir in unserer Studiengruppe von 10 angehenden Wildnisführern den afrikanischen Busch und die Savanne in allen Einzelheiten kennen.

 

bild_01

 

Die Ausbildung umfasste 18 verschiedene Module, die nach eingehendem Studium durch theoretische und praktische Prüfung ihren Abschluss finden: Ökologie, Geologie, Botanik, Zoologie, Tierpsychologie, Entomologie, Ornithologie und Astronomie bilden die Eckpfeiler der Ausbildung.

Um sich dieses Wissen anzueignen und in der Praxis anwenden zu können, bedarf es eines umfangreichen Literaturstudiums sowie ausgedehnter Wanderungen und Exkursionen in den Busch.

So verbrachten wir die ersten 6 Monate der Ausbildung jeden Tag mit mehrstündigen Ausfahrten sowie Spaziergängen oder ‚Walking-Safaris‘, wo wir ‘hautnah‘ mit der Natur und ihren Bewohnern in Kontakt treten konnten. Wir schliefen in kleinen Zelten, direkt an einem trockenen Flussbett gelegen, und alle Bewohner des Busches konnten sich jederzeit frei durch das nicht umzäunte Camp bewegen. Oft kündigten nur das etwas unheimliche Heulen der Tüpfelhyänen, das kilometerweit tragende Gebrüll eines einsamen Löwenmännchens oder das sonore und an das Geräusch einer Säge erinnernde Fauchen des Leoparden von den nächtlichen Besuchen unserer Nachbarn, mit denen wir die afrikanische Savanne teilten.

Botanik nimmt einen Großteil der Ausbildungszeit in Anspruch, sollte man doch die meisten der im Park vorkommenden Baum- und Straucharten sicher zu identifizieren wissen, gleichzeitig sich aber auch noch zusätzliches Wissen über traditionelle Verwendungszwecke der einzelnen Arten angeeignet haben.

Oder haben Sie vielleicht gewusst, dass man die Blätter des Affenbrotbaumes dünstet und ähnlich wie Spinat verzehrt? Dass die markanten Früchte des Leberwurstbaumes zu einer Salbe verarbeitet werden, welche die Wundheilung beschleunigt und sogar hartnäckigen Hautausschlägen zu Leibe rückt? Dies alles erfährt man von Menschen, die lange Zeit im Busch gelebt und gearbeitet haben, und welche sich über die Jahre eine richtige ‘Schatzkiste‘ von ‘Kräuter-Hexen-Wissen‘ angeeignet haben, welches in der Vergangenheit (zumeist mündlich) von Buschmann Generation zu Buschmann Generation weitergegeben wurde und auch heute nicht in Vergessenheit geraten darf! Denn wie uns das Sprichwort lehrt: ‘Gegen jedes Übel ist ein Kraut gewachsen‘. Dies ist auch im tropischen afrikanischen Busch, oft weit entfernt von Krankenhaus oder Apotheke, nicht anders, und das Wissen um die natürliche Heilkraft bestimmter Pflanzen ist aktueller denn je zuvor.

Doch galt es auch, die 100 häufigsten Vogelarten anhand ihres Gesanges zu bestimmen sowie Fußspuren und Losungen ihren tierischen Eigentümern zuordnen zu lernen.

 

bild_02

 

Insekten, Kräuter und Wildblumen wollten ebenso ihre Bestimmung finden wie verschiedene Gesteins- und Bodenarten. Speziell in Südafrika vermittelt jeder Ausbildungszyklus für Ranger und Field-Guides sehr eingehende Kenntnisse in Waffenkunde, Waffenrecht und Ballistik. Regelmäßiges Schießtraining ließ uns sicherer werden im Umgang mit der Großkaliberwaffe und bereitete uns adäquat auf unseren späteren Einsatz im Busch vor, da jeder Ranger und Guide in Südafrika per Gesetz verpflichtet ist, während seiner Touren ein geladenes Gewehr zum Schutz seiner Gäste und seiner selbst mitzuführen.

Da die tägliche Arbeit eines Rangers und Wildnisführers unweigerlich mit Mobilität im Busch zu tun hat, stand tägliches Fahrtraining im zum Safari-Jeep umgebauten Land-Rover auf dem Plan, so dass auch diejenigen, die vorher noch nie ‘off-road‘ unterwegs waren, die Fähigkeiten und Fertigkeiten erlangten, das Fahrzeug sicher durch schwieriges Terrain zu navigieren. Das Fahrtraining bildete oft eine Lerneinheit mit Workshops, welche uns Kenntnisse zur sicheren Orientierung im Busch anhand von Karte, Kompass und bestimmten natürlichen Phänomenen der einheimischen Fauna und Flora vermittelten.

Des Weiteren waren Wetterkunde und die Vermittlung soliden Wissens der Konstellationen des südlichen Sternenhimmels ebenso Teil der täglichen Ausbildung, wie das Kennenlernen von Tierverhalten und seiner Interpretation. Kurz gesagt: alle Fragen, die ein Tourist oder Naturliebhaber während einer Safari in Bezug auf das Ökosystem der Savanne stellen kann, sollten von einem erfahrenem Wildnisführer befriedigend beantwortet werden können. Da reicht es nicht aus, nur Spezialkenntnisse im Fährtenlesen oder Ornithologie zu besitzen; man sollte auch genügend Generalist sein, um unterhaltsam aus der Geschichte der Region erzählen oder die eine oder andere ‘Volksweise‘ der einheimischen Bevölkerung deuten zu können.

 

Die Königsdisziplin: ‘Walking-Safaris‘

Besonders intensiv wird gelehrt, wie man im Busch zu Fuss die ‘Big Five‘, Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard, aufspürt und sich ihnen gegenüber verhält. Diese 5 Tierarten gelten seit der Zeit der kolonialen Großwildjagd (‘Big Game Hunting‘) als die potentiell gefährlichsten Großtierarten, stehen aber - verständlicherweise - auch ganz oben auf der ‘Wunschliste‘ vieler Safari- und Fototouristen.

Es gilt, ihnen so nahe wie möglich zu kommen, ohne die eigene Anwesenheit preiszugeben und sich dann nach ein paar Minuten eingehender Beobachtung wieder unbemerkt zurückzuziehen. Ganz nach dem Motto: ‘Leave nothing but tracks, take nothing but photos and waste nothing but time‘ (Lasse nichts zurück außer Deinen Fussstapfen, nimm nichts mit außer Bilder und verschwende nichts außer Zeit).

Ort des Geschehens für diese Spezialausbildung war das Makuleke Reservat im nördlichen Krüger-Nationalpark, das vielleicht landschaftlich beeindruckendste und ökologisch reichhaltigste Naturschutzgebiet des südafrikanischen Parksystems.

Atemberaubende Canyons, von den mächtigen Limpopo und Lvuvhu Flüssen in Jahrmillionen aus dem weichen Sandstein gemeißelt, wechseln sich ab mit ausgedehnten, an grünen Flussauen gelegenen Akazienwäldern, gesäumt von uralten und an mythische Wesen erinnernde Affenbrotbäume. Viele dieser Riesen sind mehr als eintausend Jahre alt und können einen Stammumfang von 40 Metern und mehr aufweisen. Im afrikanischen Winter (ausgedehnte Trockenzeit) wirft der Baum alle seine Blätter ab, um Wasser zu sparen, was ihm ein merkwürdiges Aussehen verleiht: die kahlen, stark verzweigten Äste ähneln Wurzeln, die in den Himmel zu wachsen scheinen. Dies hat zu der Entstehung einer Vielzahl von Legenden geführt, die um den Affenbrotbaum ranken; die folgende hat sich mir besonders eingeprägt: Eine Schöpfungsgeschichte der Buschvölker erzählt von der Zeit, als die Götter gerade die Erde erschaffen hatten und jedem Tier einen Steckling der Baumarten überreichten mit der Bitte, sie über die Erde zu verteilen und sorgsam einzupflanzen. Jedes Tier kam seiner Aufgabe mit großer Hingabe nach; die Götter hatten indes die Hyäne übersehen sowie eine kleine Pflanze vergessen. Sie baten deshalb die Hyäne, den kleinen Steckling eines Affenbrotbaumes an einen geeigneten Ort einzusetzen. Das Tier, noch immer gekränkt, dass es einfach vergessen wurde, beschloss, es den Göttern auf seine Weise heimzuzahlen und pflanzte den Steckling einfach verkehrt herum in den Boden, so dass dessen Wurzeln - anstelle der kleinen Krone - nun aus dem Boden ragten. Jedes Jahr zur Trockenzeit erinnern die blätterlosen Äste des Affenbrotbaumes somit auch heute noch an den Streich, die die Hyäne den Göttern einst spielte.

Gleichwohl verdankt der Baum seinem Äußeren die verschiedenen Namen, die ihm gegeben wurden: da wäre zum Beispiel der ‘upside-down tree‘ (‘der Baum, der verkehrt herum wächst‘) oder die ‘giant-upturned carrot‘, die umgedrehten Mohrübe, wie ihn Dr. Livingstone, schottischer Missionar und bedeutendster Forschungsreisender auf dem afrikanischen Kontinents des 19. Jahrhunderts, sehr trefflich beschrieb.

 

bild_03

 

In dieser inspirierenden und urtypisch afrikanischen Umgebung lehrten uns unsere Ausbilder nun, wie man sich den Tieren unbemerkt gegen den Wind nähert, immer versuchend, die Sonne im Rücken zu haben, so dass die Tiere geblendet werden, wenn sie in deine Richtung schauen; wir lernten, wie man die Fährten und Fraßspuren der Tiere liest und ihre Körpersprache interpretiert, um festzustellen, ob eine Annäherung unter diesen Umständen überhaupt zu rechtfertigen ist.

Wichtig war es, Sicherheitsregeln für das Wandern im Busch einzuhalten, was zunächst einmal bedeutet, zu keinem Zeitpunkt anfangen zu laufen, da letzteres in der Regel einen Verfolgungs- oder Jagdreflex bei den Tieren auslöst. Da die meisten der potentiell gefährlichen Tiere im Busch weitaus schneller sind als der beste Olympionike, braucht man dies gar nicht erst zu versuchen: das so behäbig anmutende Flusspferd kann es immerhin auf gute 36 km/h bringen, der Elefant auf 40 km/h, Spitzmaulnashorn auf 45 km/h, Büffel auf galante 54 km/h und Löwen und Leoparden kratzen während ihrer kurzen Sprints dann schon mal die 80 km/h Marke an.

Als oberstes Gebot bei Fußmärschen im Busch gilt deshalb: Niemals rennen und immer versuchen, als Gruppe zusammenzubleiben.

Des Weiteren ist es wichtig, im Gänsemarsch hinter dem Ranger und der bewaffneten Begleitperson zu laufen, so dass sich bei Gefahr immer jemand mit einer Waffe zwischen dem Tier und den Gästen befindet. Zudem lässt sich die Gruppe, wenn sie hintereinander geht, leichter kontrollieren; die schmalen Wildpfade erlauben eine andere Art und Weise der Fortbewegung oft auch gar nicht.

 

bild_04

 

In der Annäherung an ein Tier ist es für den Guide unheimlich wichtig, die so genannte Fluchtdistanz einzuschätzen, d.h. erkennen zu können, ab welcher Entfernung ein Tier beginnt zu signalisieren, dass es sich gestört fühlt. Da heißt es, die Körpersprache des Tieres sicher deuten zu können und sein Verhalten innerhalb seiner unmittelbaren Umgebung genau zu analysieren. Fühlt sich das Tier zum Beispiel bedroht, weil der Wanderer ihm den einzigen Fluchtweg versperrt, sollte der Guide schon vorausschauend eine alternative Route für sich und seine Gäste ins Auge gefasst haben und sich durch koordinierten Rückzug der Gruppe aus der unmittelbaren Nähe des Tieres bewegen. Nur wer um diese Zusammenhänge weiß, kann eine potentiell gefährliche Situation sofort entschärfen und Konfrontationen vermeiden.

An Gelegenheiten zum Üben dieser wichtigen Verhaltensweisen hatte es uns im Krüger-Nationalpark wahrlich nicht gemangelt.

Eine Begebenheit sei hier zur Veranschaulichung einmal etwas ausführlicher geschildert. Wir hatten während einer morgendlichen Wanderung bereits zweimal frische Fußspuren eines einzelnen großen Elefantenbullen bemerkt, welcher auf dem gleichen Pfad wie unsere Gruppe wandelte. In regelmäßigen Abständen fanden wir Kindereimer-grosse, noch warme Dunghaufen sowie abgerissene Zweige, alles untrügliche Zeichen, dass das Tier sich in unmittelbarer Nähe befand.

Die Spuren führten dann vom Pfad tiefer in den Wald hinein und auf eine Lichtung zu, die umgeben war von Fieberakazien und zum Teil dichtem Gebüsch. Hier war nun Vorsicht geboten, da sich Elefanten trotz ihrer Größe perfekt zu tarnen verstehen und ihre vier oder fünf Tonnen Gewicht als graue Masse hinter Bäumen oder Sträuchern nur schwer auszumachen sind. Oft sind knackende Äste oder ein dezentes dumpfes Grollen, welches die Elefanten in ihrem Rüssel erzeugen, um so miteinander in dichtem Busch in Kontakt zu bleiben, die einzigen Anzeichen ihrer unmittelbaren Nähe - ein erfahrener und aufmerksamer Guide sollte diese genau zu deuten wissen.

Wir verharrten kurz und lauschten angestrengt in den Wald hinein: nichts, nur das Zirpen der Grillen und ein paar Vogelstimmen waren zu vernehmen. Ok, weiter ging‘s! Langsam schlichen wir nun weiter vorwärts, vorbei an dichten Büschen und dornenbesetzten Akazien. Wieder blieben wir stehen und spitzten unsere Ohren: und dann war das unverwechselbare Knacken von Zweigen zu hören und wir bemerkten, dass wir dem Bullen schon sehr nahe gekommen waren.

Und dann sahen wir ihn! Keine 20 Meter vor uns hatte das stattliche Tier, halb bedeckt vom umgebenen Gebüsch, seinen Rüssel weit hoch in eine Akazie gesteckt und pflückte in aller Ruhe, schon fast wie in Meditation versunken, die Blätter von den Ästen, wobei er elegant mit den zwei ‘Fingern‘ seines Rüssels um die langen Dornen herum fasste, ohne sich daran zu stechen.

Genüsslich schob er das Laubwerk mit dem Rüssel ins Maul und bewegte dann die Kiefer vor und zurück, um mit seinen riesigen Backenzähnen, von denen er je zwei in Ober- und Unterkiefer besitzt, die saftige Nahrung zu zermahlen.

Hin und wieder liess er auch einen ganzen Ast durch sein Maul gleiten, welcher dann am anderen Ende, ganz blank und von aller Rinde befreit, herausfiel. Ellis sind vegetarische Allesfresser und mehr oder weniger den ganzen Tag (rund 18 Stunden) damit beschäftigt, die 200 kg und mehr an Futter aufzubringen, die ein ausgewachsener Elefant benötigt, um seinen kolossalen Körper zu ernähren. Gras, Blätter, Rinde, Früchte, Blüten und Wurzeln stehen ganz oben auf dem Speisezettel der grauen Riesen.

Auf einmal nahm der Verlauf der Dinge jedoch eine überraschende Wendung! Zwei Leute aus unserer Gruppe hatten sich beim Beobachten des Elefanten ein paar Meter von dem uns verdeckenden Busch wegbewegt. Als der Bulle sich nun langsam umdrehte, um einen weiteren Ast vom Baum zu zupfen, dabei unweigerlich in unsere Richtung schauend, wurde er unserer Anwesenheit gewahr, und sein ganzer Gemütszustand veränderte sich augenblicklich. Den Kopf hoch erhoben, Ohren weit ausgestreckt und den Rüssel in die Luft haltend, zeigte er die unverwechselbaren Gebärden eines Tieres, welches sich in seiner Privatsphäre gestört fühlt. Mit allen Sinnen versuchte es, die Ursache der Störung zu analysieren und verließ sich dabei hauptsächlich auf seinen sensiblen Geruchs- und Gehörsinn.

In dieser Phase, in welcher das Tier oft regungslos verharrt, hat man zumeist die Möglichkeit, sich geschwind, doch kontrolliert, zurückzuziehen, um sich aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu entfernen.

Doch unser Freund hielt sich nicht an Abhandlungen der Lehrbücher und musste innerhalb von ein oder zwei Sekunden beschlossen haben, dass in diesem Falle Angriff die beste Verteidigung ist. So genannte ‘mock charges‘, oder ‘Scheinangriffe‘ während derer der Elefant in den meisten Fällen wenige Meter vor seinem anvisierten Ziel ‚abbremst‘ und zum Stehen kommt, sind durch lautstarkes Trompeten, schwingenden Rüssel und wild flatternde Ohren gekennzeichnet. Der Elefant will sich dadurch noch größer machen sowie Dominanz signalisieren, um letztendlich den Gegenüber zur Flucht zu bewegen und so einen potentiell gefährlichen Kampf zu vermeiden.

Ernstzunehmende Angriffe erkennt man in der Regel daran, dass der Elefant mit angelegten Ohren, eingerolltem Rüssel und gerade ausgestrecktem Schwanz und ohne jegliches Vokalisieren auf die Gruppe zu rennt.

 

bild_05

 

Und das war genau das Verhalten, welches dieser Elefantenbulle an den Tag legte! Nun war schnelles und koordiniertes Handeln vonnöten: wir mussten so schnell wie möglich aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich heraus! Hat der Elefant erst einmal den Sichtkontakt mit der Gruppe verloren, verliert er meist schnell das Interesse und beruhigt sich wieder. Ein großer Baum oder Termitenhügel leistet dabei oft vorzügliche Dienste, doch weder der eine noch der andere befanden sich gerade in ‘Reichweite‘.

So blieb uns nur übrig, uns hinter den nächsten Busch zurückzuziehen, welcher uns kurzzeitig von den Blicken des Ellis verbarg und dann mehrere Haken nach links und recht zu schlagen, um uns in einem Zickzackkurs von dem Tier zu entfernen. Wichtig war es, als Gruppe zusammenzubleiben und nicht in Panik zu verfallen.

Der Head Ranger hatte sich ans Ende der Gruppe bewegt und das Gewehr schon entsichert, um für den hoffentlich nie eintretenden Ernstfall vorbereitet zu sein.

Nach guten sechzig Metern zügigen Rückzuges hielten wir inne und lauschten in den Wald hinein, wo wir immer noch vernehmen konnten, wie der Elefant durch das Unterholz stapfte. Durch die anhaltende Windstille konnte er unsere Witterung nicht aufnehmen und musste sich nun mehr oder weniger auf seinen Sehsinn verlassen, welcher aber, angesichts der dichten Vegetation, nur eingeschränkt funktionierte.

Nach weiteren 5 Minuten hatten wir uns dann weit genug vom Elefanten entfernt, um für die Gruppe ‘Entwarnung‘ geben zu können, hielten auf einer kleinen Lichtung an und ließen nun das ganze Szenario noch einmal während eines ‘Debriefings‘ Revue passieren. Jedem einzelnen von uns stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben, und nach der minutenlangen ‘Schnitzeljagd‘ sprudelten nun die durchlebten Emotionen aus uns heraus. Solche Teamaussprachen sind äußerst wichtig, lernt man doch dabei, welche möglichen Verhaltensweisen und psychologischen Phänomene sich im Menschen während ähnlicher Begegnungen und potentieller Gefahrensituationen abspielen können, wie man dabei handlungsfähig bleibt und die Situation und eigene Psyche unter Kontrolle behält.

Die zahlreichen Begegnungen mit Elefanten, Löwen, Leoparden und Büffeln, die uns der Aufenthalt im Krüger-Nationalpark bescherte, sowie die dabei gemachten Erfahrungen, ließen uns von Woche zu Woche sicherer werden im Erkunden der afrikanischen Savanne, stärkten das Vertrauen in unsere während der Ausbildung erworbenen Fähigkeiten und bildeten so ein solides Fundament für unsere spätere Arbeit im Busch.

 

Malawi, ein mächtiger Fluss und der Liwonde-Nationalpark

Im Juni 2010 habe ich dann als Teil meiner Ausbildung ein sechs-monatiges Praktikum in einem Land Afrikas absolviert, welches mir vorher gänzlich unbekannt war. Nach erfolgreich bestandener Prüfung und Graduierung zum Field-Guide Level I flog ich nach Malawi, einem kleinen Binnenstaat in Südostafrika, am südlichen Ende des ostafrikanischen Grabenbruchsystems gelegen und benannt nach seinem riesigen Binnenmeer. Den Malawianern eilt in Afrika ihr Ruf für ihre Warmherzigkeit und Gastfreundschaft voraus: nicht umsonst bezeichnen sie sich selbst und ihr Land als das ‘warm heart of Africa‘.

Malawi gehört zu den ärmsten und am wenigsten entwickeltsten Ländern der Welt,

stellt aber landschaftlich eine überaus interessante und abwechslungsreiche Region dar. Sie wird bestimmt durch waldreiche Hochplateaus mit bis zu 3000 Meter hohen Inselbergen - Hauptanbaugebiet für den berühmten Chombe-Tee - Savannen und offene Grasfluren, und natürlich dem imposanten Malawi-See, drittgrößtes Binnengewässer Afrikas, welches immerhin gut ein Drittel der Landesfläche einnimmt.

Der mächtige Shire, längster Strom Malawis, ist der einzige südliche Abfluss des großen Malawi Sees und hat über Jahrmillionen eine der beeindruckendsten und ökologisch reichhaltigsten Auenlandschaften Afrikas erschaffen. Zu beiden Seiten des Flusses erstrecken sich bis zu einem Kilometer breite und zum Teil stark bewaldete Flutebenen, die in der Regenzeit die gewaltigen Wassermassen des Shire aufnehmen und diese dann in der Trockenzeit allmählich wieder an den Fluss zurückgeben.

 

bild_06

 

Dies hat eine enorme Artenvielfalt im Einzugsgebiet des Shire entstehen lassen: seit Menschengedenken ist diese Region nicht nur berühmt für ihre schier unüberschaubare Anzahl von Flusspferden und Krokodilen, sondern vor allem aber für die großen Elefantenherden, die an und um den Fluss herum ideale Lebensbedingungen und einen nie zu erschöpfenden Nahrungsreichtum vorfinden. Die einheimische Vogelwelt ist ebenso beeindruckend wie die tausend und aber tausend Antilopen, Wasserböcke und Büffel, die hier zum täglichen Bild der Landschaft gehören.

Ein kleiner Teil dieses Ökosystems wurde in den 70er Jahren zum Liwonde-Nationalpark erklärt und genießt seitdem besonderen Schutz, da er auf seinem Einzugsgebiet einen Großteil der noch vorhandenen indigenen Fauna und Flora beherbergt.

 

In dieser faszinierenden Umgebung durfte ich nun arbeiten und meine eigenen Touren organisieren.

Unsere Lodge, genannt Mvuu (bedeutet ‘Flusspferd‘ in der Landessprache) und betrieben von Central African Wilderness Safaris Malawi, liegt direkt an einer Lagune, die sich über eine Länge von 400 Metern vom Fluss in die Buschsavanne windet.

Die Chalets und rustikalen Holzhütten sind so um die Lagune herum positioniert, dass unsere Gäste oft morgens beim Frühstücken die Krokodile auf der gegenüberliegenden Sandbank beim Sonnenbaden oder die Flusspferde beim Faulenzen im seichten Wasser beobachten können.

 

bild_07 bild_08

 

Als Field-Guide kann man hier seinen Gästen eine Vielzahl von verschiedenen Aktivitäten und Touren anbieten; die Attraktion des Parks sind jedoch die Bootstouren auf dem Shire, während derer man mit den Tieren direkt auf ‘Tuchfühlung‘ geht.

Wird es nach dem Beginn der Trockenzeit richtig heiss und trocken, kommen die Elefanten regelmässig zum Trinken und Baden an den Fluss. Das ist immer ein Erlebnis, sind sie doch ausgezeichnete und ausdauernde Schwimmer und haben beim Plantschen und Baden Spaß wie kleine Kinder.

 

bild_09 bild_10

 

Manchmal durchquert die ganze Herde mit hoch erhobenen Rüssel, der beim Schwimmen als Schnorchel benutzend wird, der Leitkuh folgend, den Fluss, bis das andere Ufer erreicht ist. Dort wird noch einmal ausgelassen im Wasser getobt, bevor die Herde dann im vier Meter hohen Schilfgras verschwindet, als wäre sie nie da gewesen.

Mit unseren Booten können wir uns oft bis auf wenige Meter den grauen Riesen nähern und sie eingehend beobachten: wie sie sich kiloweise Gras ins Maul stopfen, zärtlich ihre Babys mit dem Rüssel berühren oder sich gar auf die Seite legen und ein festes Nickerchen machen und dabei manchmal lautstark anfangen zu schnarchen...

 

bild_11

 

Da glücklicherweise die Elefanten im Liwonde-Nationalpark seit gut 40 Jahren nicht mehr gejagt werden dürfen und bei Überpopulation die Tiere umgesetzt und nicht abgeschossen werden, sind die großen Säuger sehr tolerant gegenüber Booten und Fahrzeugen, was längst nicht zur Normalität in Nationalparks gehört. Unsere Gäste wissen das sehr zu schätzen, sind viele von ihnen, darunter auch erfahrene Afrikareisende, noch nie so dicht an frei lebende Elefanten herangekommen. Wenn sich diese keine 10 Meter vom Land-Rover entfernt an einem Akazienbaum gütlich tun und man ihre riesigen Körper sprichwörtlich direkt vor der Nase hat (und diese sie riechen kann), ist das immer ein unvergessliches Erlebnis.

Der Terminkalender eines Field-Guides ist recht gut gefüllt, beginnt der Tag doch meist mit einem frühmorgendlichen Spaziergang, woran sich nach ausgiebigem Frühstück eine mehrstündige Bootsafari anschließt. Der Abend klingt mit einem romantischen Dinner und der einen oder anderen Geschichte um das Lagerfeuer in der Lodge aus, nachdem die Gäste von ihrer Land-Rover Tour am späten Nachmittag mit vielen neuen Eindrücken wieder ins Camp zurückgekehrt sind.

Doch Langeweile ist auch bei routinemäßigen Aufgaben ein Fremdwort. Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken und man weiß eben nie, welche Überraschungen die Natur den Gästen und Guides an einem jeden neuen Tag bescheren wird. Da können wir mit viel Glück vielleicht die Geburt einer kleinen Antilope oder eines süßen Elefanten beobachten, ebenso aber Zeugen werden eines erbitterten, blutigen und das Wasser brodeln lassenden Revierkampfes zweier Nilpferdbullen. Vogelliebhaber lieben es, den Schreiseeadler majestätisch über das Wasser schweben zu sehen und warten auf den Moment, wenn er seine Beute mit zielsicherem Griff der scharfen Klauen aus dem Wasser fischt. Der Großkatzeninteressierte hingegen hofft, eine Situation anzutreffen, die es ihm erlaubt, ein Löwenrudel beim Anpirschen an eine Herde Büffel zu beobachten, um die sich daraufhin entwickelnden spektakulären Jagdszenen auf den Speicherchip seiner Kamera zu bannen.

 

bild_12

 

Alle aber werden leise und gedankenversunken, wenn wir zum Sonnenuntergang am Fluss anhalten, den Rufen der Waldkauze und dem Grunzen der Flusspferde lauschen und dem Schauspiel des hinter den Bergen versinkenden Feuerballes beiwohnen. Dann bedarf es keiner Worte und Erklärungen - hier allein wirkt der Zauber des afrikanischen Busches mit all seinen Farben, Gerüchen und Geräuschen. Der Alltag und das bisher Erlebte verlieren für kurze Zeit vollständig ihre Bedeutung: ein die ganze Umgebung erfassender Friede macht sich breit und lässt den Gedanken freien Lauf.

 

bild_13

 

Wenn die Nacht sich über den Fluss senkt, sind wir der Natur ein ganzes Stücken näher gekommen. Und uns selbst vielleicht auch...

 

Das Spitzmaulnashorn genießt besonderen Status in Liwonde

Einen gewissen Teil meiner Arbeits- und Freizeit widme ich einem Naturschutzprojekt, welches im Nationalpark angesiedelt ist. Es hat sich zur Aufgabe gestellt, den vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörnern im Liwonde-Nationalpark wieder eine artgerechte Heimat und vor allem eine sichere Zukunft zu bieten.

Die Nachfrage nach Nasenhorn auf dem Schwarzmarkt ist weiter ungebrochen, glaubt doch die einflussreiche Traditionelle Chinesische Medizin seit fast 2.000 Jahren, damit effektiv Rheumaleiden, Epilepsie, Bluthochdruck (!!) oder Schlaflosigkeit (!!!!) behandeln zu können, und gelten aus Nasenhorn gefertigte Krummdolchgriffe und Dolchscheiden in Nahost - besonders im Jemen - als traditionelles männliches Statussymbol, für das gern der Gegenwert einer Luxuslimousine in bar hingeblättert wird.

Angesichts der horrenden Summen, die internationale Syndikate für ein Kilogramm Nasenhorn bereit sind zu zahlen (500.000 US$ aufwärts) ist die Gefahr allgegenwärtig, die Tiere durch Wilderei zu verlieren. Diese bittere Erfahrung hatte unter anderem Kenya machen müssen, als dessen Nashornbestand während der exzessiven Wilderei der 70er und 80er Jahre von rund 18.000 - der damals höchsten Populationsdichte auf dem schwarzen Kontinent - auf unter 400 Tiere Anfang der 90er Jahre fiel.

Zu diesem Zeitpunkt wurde selbst von optimistischen Experten und Wissenschaftlern bezweifelt, dass es in ein paar Jahren noch Spitzmaulnashörner in freier Wildbahn geben würde - der Mensch hatte es geschafft, den Bestand eines der größten Landsäugetiere innerhalb von nur 30 Jahren um 96% zu dezimieren und hatte damit fast die Art ausgerottet. Noch in den 60er Jahren betrug die Zahl der ‘Schwarzen Nashörner‘ in Afrika geschätzte 100.000; 1992 wurden weniger als 2.500 Tiere in extrem stark fragmentierten Lebensräumen gezählt.

Der Bestand ist in der Zwischenzeit infolge der drastisch verschärften Sicherheitsmaßnahmen wieder auf rund 4.200 Tieren gestiegen; Grund zur Entwarnung gibt es aber angesichts der noch immer existierenden Absatzmärkte für Nasenhorn und des damit verbundenen illegalen Handels noch lange nicht.

Somit gelten Spitzmaulnashörner als die wertvollste Resource die ein afrikanischer Nationalpark überhaupt besitzen kann (Spitzmaulnashörner sind per Gesetz Eigentum der jeweiligen Regierungen; Privatpersonen ist es nicht erlaubt, diese zu halten) und die gilt es, ausreichend zu schützen.

In Liwonde leben 14 Tiere in einem extra für sie eingezäuntem 50 km2 Areal, wo sie kontinuierlich durch Park-Ranger beobachtet und bewacht werden. Kleinstreservate, patrouilliert durch speziell ausgebildete und ausgerüstete ‘Nashorn Bodyguards‘, scheinen momentan die (fast) einzige Lösung darzustellen, die bestehenden Bestände adäquat zu schützen.

 

bild_14

 

Unsere Aufgabe in Liwonde ist es, mit den Rangern zusammen diese Patrouillen durchzuführen und dabei wichtige Daten zur Lebensweise der Nashörner zu erfassen. Es werden Fußspuren und Dunghaufen vermessen, deren Koordinaten per GPS festgehalten sowie Nashornpfade analysiert und kartiert, um so wichtige Informationen über Verbreitung und Revierverhalten der Tiere zu gewinnen.

Ganz wichtig für die Arbeit der Ranger ist es, eine Datenbank von Fotos aller im Reservat lebenden Nashörner anzulegen. Die Fotos sollten idealerweise aus relativ kurzer Distanz aufgenommen werden und insbesondere Gesicht, Ohren und die Hörner klar abbilden. Dies erleichtert später die Identifikation in freier Wildbahn, da jedes Tier individuelle ‘Gesichtszüge‘ besitzt. So können zum Beispiel die Ohren an bestimmten Stellen ausgefranst sein oder einen Riss aufweisen, die Furchen unterhalb der Augen, die sogenannten Augenringe, sind von Tier zu Tier unterschiedlich stark ausgeprägt, und nicht zuletzt geben die Horngröße und -form Aufschluss über die Identität ihres Trägers.

Der interessanteste und weitaus spannendste Teil dieser Arbeit ist das Aufspüren der einzelnen Tiere im Busch. Jedes Nashorn sollte mindestens zweimal im Monat von den Rangern ‘gefunden‘ werden, um sicherzustellen, dass es gesund und am Leben ist.

Die übliche Herangehensweise besteht darin, dass man einer frischen Fährte früh morgens von einem der Wasserlöcher aus durch den Busch folgt, bis man das Tier zu Gesicht bekommt. Das setzt zum einen fundierte Kenntnisse im Spurenlesen voraus, andererseits auch ein Wissen um bestimmte Verhaltensweisen und Aufenthaltsorte der Nashörner. Da sich Spitzmaulnashörner bevorzugt in dichtem Buschwerk aufhalten - ihre Lieblingsnahrung sind Blätter, Zweige und frische Triebe - setzt solch ein Nashorn-Tracking schon eine gewisse körperliche Fitness voraus, da es oft sprichwörtlich über

‘Stock und Stein‘ geht. Sollte sich die Spur dann doch über hartem oder steinigem Untergrund verlieren, muss man schon mal auf sein Glück vertrauen, die Fährte im Unterholz wieder zu finden, ansonsten haben auch die Experten keine andere Wahl, als es am nächsten Tag erneut zu versuchen.

Folgt man jedoch einer ‘heißen‘ Spur und stößt alsdann auf untrügliche Zeichen jüngster Nashornaktivität, wie zum Beispiel frisch abgefressene Zweige oder einen noch warmen Dunghaufen, heißt es, äußerste Vorsicht walten zu lassen. Zum einen sind die Tiere mit einem überaus empfindlichen Geruchssinn ausgestattet, zum anderen ist ihr Gehör derart fein, dass sie jedes noch so leises Knacken von Zweigen oder den gedämpften Schritt eines Wanderers sehr genau zu orten wissen. Dies alles sind Anpassungen an eine Lebensweise inmitten dichter Vegetation, wo dem Sehvermögen nur eine untergeordnete Bedeutung zukommt, er deshalb im Verlaufe der Evolution teilweise ‘verkümmerte‘ und heute den schwächsten aller Nashornsinne darstellt.

Nähert man sich dann dem Nashorn ‘gegen den Wind‘ und ohne jegliches Geräusch, kann es schon einmal vorkommen, dass man seine Anwesenheit erst auf kürzeste Distanz bemerkt - ähnlich wie die Elefanten, scheint ihre graue Farbe sie im Gestrüpp und Unterholz perfekt zu tarnen.

Als Guide muss man nun bei weiterer Annäherung genau wissen, was man tut, vor allem, wie sich das Tier unter den jeweiligen Umständen verhalten könnte.

Da Spitzmaulnashörner die weitaus agilere und vielleicht nervösere (manche Ranger sagen aggressivere) der beiden afrikanischen Nashornarten repräsentiert, sie des Weiteren zu erstaunlichen Sprints von bis zu 45 km/h fähig sind, kann eine Fehleinschätzung seitens des Guides oder Rangers zu einer potentiell sehr gefährlichen Situation führen, nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass sich die Kontaktdistanz im Dickicht und stark bewachsenen Busch stark verkürzt hat. Wenn sich explosionsartig anderthalb Tonnen Muskeln, bewehrt mit 2 geschwungenen säbelartigen Hörnern, in deine Richtung in Bewegung setzen, fällt demjenigen ein Stein vom Herzen - wenn er dazu noch die Zeit hat - der sich hinter einen Termitenhügel oder (besser noch) auf einen Baum flüchten kann.

Das habe ich schon einmal selbst erlebt und erinnere mich noch ganz genau an jenen Morgen, als es unsere Aufgabe war, ein junges, noch nicht fotografisch identifiziertes Nashornmännchen aufzuspüren, um die Rhino-Datenbank des Parks um sein ‘Passbild‘ zu erweitern.

Schnell hatten wir an der Lagune eine Stelle entdeckt, an der das Nashorn vor kurzer Zeit seinen Durst gestillt hatte; die Spuren waren sehr frisch und in dem vom Tau noch feuchten Sand gut zu erkennen. Wir beschlossen daher, sofort mit der Suche zu beginnen, um keine Zeit zu verlieren. Ist die afrikanische Sonne erst einmal hoch am Himmel (das kann im Sommer schon gegen 7:30 der Fall sein), lässt das harsche Licht kein effizientes ‘Lesen‘ der Spuren mehr zu, und man kann das Tracking getrost auf den nächsten Morgen verschieben.

Die Fährte führte uns während der nächsten zwei Stunden auf gewundenen Wildpfaden durch sehr unterschiedliches Terrain: wir durchquerten offene Buschsteppe, wo nur einige stattliche Akazien Schutz vor der sengenden Hitze boten, folgten der Spur im knöcheltiefen Sand eines ausgetrockneten Flussbettes und kletterten steile Geröllhänge hinauf, wobei wir die Fährte auf hartem Untergrund des öfteren verloren und dann in einem großen Halbkreis das Areal vor uns abschreiten mussten, bis jemand auf weicherem Waldboden die Fußspuren wieder entdeckte.

Trotz der steigenden Temperaturen und körperlichen Anstrengung war bei keinem von uns Müdigkeit zu spüren; wir waren alle voll konzentriert bei der Sache, wussten wir doch, dass wir dem Tier dicht auf den Fersen waren und es von nun an jeden Augenblick vor Gesicht bekommen konnten. Und für diesen - oft nur kurzen - Moment sollte man gut vorbereitet sein, geht es doch darum, wertvolles Datenmaterial in Form von Fotos zu sammeln, gleichzeitig aber auch genügend Wachsamkeit an den Tag zu legen, um eine etwaige Konfrontation mit einem vielleicht nervösen Tier auf jeden Fall zu vermeiden. Diese überhöhte Aufmerksamkeit - bedingt durch das ‘Lauschen‘ mit allen Sinnen - ist fast schon überlebenswichtig, wenn man sich, bei stark eingeschränkter Sicht, durch dichtes Gestrüpp und Unterholz kämpft und sich dem Tier bis auf wenige Meter nähern kann, ohne seine Anwesenheit bemerkt zu haben.

Und dann hörten wir das dreifache Fingerschnipsen, welches unser vorher ausgemachtes Zeichen für ‘Nashorn gesichtet‘ war. Wie angewurzelt blieben wir stehen, gingen in die Hocke und schauten angestrengt in die Richtung, in welche der Schnipser mit seinem ausgestreckten Arm zeigte. Außer Buschwerk und trockenen Zweigen konnte ich nichts Verdächtiges wahrnehmen, bis sich dann zwei schwarz gesäumte graue Blätter hinter einem dichtem Strauch bewegten und ich, zeitgleich mit einem gewaltigen Adrenalinausstoß, die Umrisse von Kopf und Körper des Tieres keine 20 Meter von mir entfernt ausmachen konnte. Das Tier schien uns nicht bemerkt zu haben und war damit beschäftigt, mit seiner beweglichen Oberlippe frische Triebe von einem kleinen Baum zu pflücken, wobei es ständig mit den Ohren rotierte, welche, als hoch empfindliches Radarsystem, jedes noch so leise Geräusch wahrzunehmen schienen.

Meine Aufgabe bestand nun darin zu versuchen, ein aussagekräftiges Foto des Bullen zu schießen. Dazu musste ich zuerst einmal vorbei an einem Busch, der mir die Sicht versperrte, was gleichzeitig bedeutete, mich aus meiner eigenen Deckung heraus zu bewegen. So schlich ich dann wie in Zeitlupe, das Nashorn dabei nicht aus den Augen lassend, 4 oder 5 Meter nach rechts auf eine weniger dicht bewachsene Fläche zwischen zwei größeren Bäumen zu; von dort aus erhoffte ich mir einen besseren Winkel zum Fotografieren.

Und schon hatte ich die Kamera auf das Nashorn gerichtet, nicht bevor ich noch einmal kurz zurückschaute: die anderen Ranger hatten sich alle neben oder hinter einem Baum positioniert, und auch ich hatte eine etwas dickere Akazie wenige Meter zu meiner Linken ins Visier gefasst...für alle Fälle.

Klack, klack, klack - die Spiegelreflex sprach ihre eigene Sprache und ich hatte einige Bilder des Bullen in der Kamera, als sich plötzlich seine Körpersprache veränderte - er drehte sich langsam zu mir um, nachdem er wohl das Klicken der Kamera geortet haben musste. Das Tier verharrte, schaute starr in meine Richtung, und versuchte, mittels der offenen Nüstern und aufgestellten Ohren die Ursache der Störung ausfindig zu machen. Noch zweimal konnte ich den Auslöser betätigen und den Kopf und Rumpf des Bullen komplett abbilden, als ich das typische Schnauben vernahm, welches Mensch und Tier vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff des Spitzmaulnashorns warnt.

 

bild_15

 

Und dann stürmte es auch schon los. Mit Urgewalt und hoch aufgerichtetem Kopf rannte es den Pfad entlang, welcher uns vor ein paar Minuten an diese Lichtung geführt hatte, keine 5 Meter vorbei an dem Baum, hinter den ich mich noch rechtzeitig flüchten konnte. Mein ganzer Körper schien die Vibrationen, die das Galoppieren des mächtigen Tieres auf dem Waldboden erzeugte, in sich aufzunehmen und zu verstärken, doch dann war der Spuk vorbei und die einkehrende Stille mutete fast gespenstisch an.

Vorsichtig und nach eingehender Prüfung der näheren Umgebung wagten wir uns alle wieder auf die freie Fläche, wo eben noch der graue Riese weidete und besprachen die gerade erlebte Situation, nicht ohne den einen oder anderen Seufzer der Erleichterung von uns zu geben. Wir hatten es immerhin geschafft, das Nashorn nach fast zwei Stunden oft schwierigen Trackings aufzuspüren und die für die Datenerfassung so wichtigen Fotos zu machen!

Obwohl dies schon ein so genanntes ‘close encounter‘ mit einem der ‘Big Five‘ darstellte, verhielten wir uns genau richtig, als wir uns etwas vom Pfad entfernten und hinter Bäumen versteckten, nachdem wir das Nashorn zu Gesicht bekommen hatten. Da die Tiere sich in dichtem Busch nicht auf den recht schwachen Sehsinn verlassen können, sie aber auch nicht blindlings nach vorne ins Unbekannte stürmen wollen, wenn sie sich gestört fühlen, kommt es sehr oft vor, dass Spitzmaulnashörner in die Richtung flüchten, aus der sie gerade gekommen sind. Und dann, wehe dem, der noch auf diesem Pfad wandelt - eine Kollision wäre dann wohl fast unvermeidbar.

Ist das Nashorn dann vorbeigeprescht, ist die Gefahr meistens gebannt, da es sehr selten vorkommt, dass es - im Gegensatz zu einem betagten Kaffernbüffelbullen vielleicht - noch einmal umkehrt, um aktiv seine ‘Widersacher‘ aufzuspüren und zu verfolgen.

 

Wie viele Tiere passen in einen Park? Faszination Tierzählungen

Ein weiteres Highlight unserer Arbeit im Busch ist die alljährliche Tierzählung, die einmal ‘auf dem Boden‘ und kurz danach aus der Luft, von einem Kleinflugzeug aus, erfolgt. Die erfassten Daten geben Aufschluss über die Populationsdichte und Artenvielfalt des Parks und bilden die Grundlage für vom Parkmanagement zu treffende Entscheidungen zur Bestandsregulation.

Ab Mitte Oktober, auf dem Höhepunkt der sieben-monatigen Trockenzeit, haben fast alle einheimischen Bäume und Sträucher ihr Laub abgeworfen, die Sicht ist ausgezeichnet und die Tiere versammeln sich dann in regelmäßigen Abständen um die verbliebenen wenigen Wasserlöcher im Park, was ihr Auffinden und Zählen sehr erleichtert. In ständig wechselnden Drei-Stunden-Schichten werden über einen Zeitraum von drei Tagen alle Tiere erfasst, die beim Trinken beobachtet werden. Da diese Art der Zählung um die Zeit des Vollmondes erfolgt, kann die Operation auch nach Einbruch der Dunkelheit fortgesetzt werden, was uns die Möglichkeit bietet, Informationen über nachtaktive Tiere wie Hyänen, Mangusten, Zibetkatzen und die schon erwähnten Spitzmaulnashörner zu sammeln.

Es ist immer wieder aufregend und ein kleiner Nervenkitzel, wenn ich von meinem Hochsitz aus eine große Herde Büffel beim Trinken beobachte oder die Aussichtsplattform von dutzenden Elefanten eingeschlossen ist. Dann halte ich oft den Atem an und versuche, kein Geräusch zu machen, sind die Riesen ja keine vier Meter entfernt und könnten mir leicht mit dem Rüssel die Hand schütteln. Fällt der Schichtwechsel einmal mit den ausgiebigen Wasserspielen einer Herde Elefanten zusammen, heißt es, sich in Geduld zu fassen: jetzt vom Hochsitz zu gehen und damit seine Anwesenheit zu verraten, wäre gleichbedeutend einer Einladung zum Fange spielen...Und wer wen hierbei zuerst greift, steht wohl außer Frage!

So bleibt mir oft nichts anderes übrig, als noch eine weitere Stunde an die Schicht heran zu hängen und zu warten, bis die Ellies sich in ihrem Herumtollen erschöpft haben und nach ausgiebigem Schlammbad endlich wieder das Weite suchen.

 

bild_16 bild_17 bild_18

 

Einige Tage nach Erfassung der Bestände an den Wasserlöchern führen wir die Luftzählung durch, im Englischen auch ‘aerial census‘ genannt.

Als Zähler und Fotograf habe ich dann die Aufgabe, die Tierherden numerisch genau zu erfassen und im Falle großer Ansammlungen von Tieren mit hoher Mobilität eine Luftaufnahme zu erstellen, um diese dann später am Computer genau auszuwerten. Letzteres ist oft der Fall, wenn eine mehrere-hundert-Tiere-starke Büffelherde sich in Bewegung setzt, die Herde sich plötzlich teilt und kurze Zeit später wieder zusammenläuft, was ein akkurates Zählen mit dem bloßen Auge unmöglich macht.

Als Fortbewegungsmittel dient uns dabei ein so genanntes Bantam Microlight, eine kleine zweisitzige Einpropellermaschine in Leichtbauweise.

 

bild_19

 

Der Pilot fliegt mit rund 40 km/h ein vorher ausgerechnetes Planquadratmuster über dem Park ab, welches auf die zu erfassende Tierart und deren wahrscheinliches Verbreitungsgebiet zugeschnitten ist.

Das Beeindruckendste an der Luftzählung ist zweifelsohne die unbeschreiblich schöne Sicht von dort oben, die ich genieße und liebe zu fotografieren, wenn die Zeit es uns erlaubt und wir einmal für einige Minuten keine Tiere zu Gesicht bekommen. Dann muss ich mich schon ab und zu mal zwicken, um sicherzugehen, dass dies kein Traum ist.

Der mächtige Shire schlängelt sich träge durch die Auenlandschaft, überall im Fluss unter mir tummeln sich Flusspferde und sonnen sich große Nilkrokodile auf den Sandbänken, und in der Ferne ragen die den Park umgebenen Bergmassive in den wolkenlosen blauen Himmel.

 

bild_20

 

Schnell ist es dann mit dem Träumen vorbei, wenn es durch den Kopfhörer tönt: „Elefantenherde mit vielen Babys zu deiner Rechten!“ und meine Augen dann jedes einzelne Tier unten auf der Ebene erfassen müssen. Das klappt nicht immer beim ersten Mal, und der Pilot muss oft eine Schleife fliegen, bis wir nach abermaligem Vergleichszählen die genaue Zahl der Tiere zusammen mit den Koordinaten in unser Logbuch eintragen können.

 

bild_21 bild_22

 

So geht es immer weiter, jede im Park vorkommende größere Säugetierart wird gesondert erfasst: wir streifen in 3-Stunden-Flügen die weiten Ebenen nach Elefanten und Büffeln ab, dann geht es zurück zur Landepiste mitten im Busch, wo wir uns kurz die Beine vertreten und das Flugzeug auftanken, bevor wir uns im Tiefflug wieder dem Fluss nähern und, dessen Verlauf 40 km weit folgend, fast 1,800 Flusspferde im und um das Wasser herum zählen.

Wenn es nach der letzten Schicht gegen 17 Uhr zurück ins Camp geht, sind wir meist so erschöpft, dass wir nach einem frühen Abendessen und kurzer Auswertung des Tages schon gegen 20:30 Uhr dem Schlaf der Gerechten frönen, soll es doch schon um 5 Uhr morgens mit Sonnenaufgang wieder in die Lüfte gehen.

Nach vier Tagen, mehr als dreißig geloggten Flugstunden und knapp 7.000 gesichteten Tieren, ist dann auch die diesjährige Luftzählung zu einem erfolgreichen Ende gelangt. Wir erwarten nun mit Spannung die Auswertung der erfassten Daten und freuen uns schon jetzt auf den Moment, wann wir im nächsten Jahr wieder die bezaubernde Ausblicke auf den Park und seinen gewaltigen Tierreichtums aus der Luft genießen können.

 

 

Ein Ausblick

Anhand der geschilderten Beispiele habe ich versucht, dem Leser einen Einblick zu gewähren in den vielseitigen und selten monotonen Alltag eines Wildnisführers und Rangers. Das Leben im Busch ist gerade deshalb für mich so interessant, weil es jeden Tag gilt, direkt mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, auf Veränderungen zu reagieren und neue Herausforderungen zu meistern. Für mich ist meine Arbeit ein kontinuierlicher Lernprozess, der sich in viele verschiedene Richtungen (oft gleichzeitig) erstrecken kann und wahrlich all meine Sinne in Anspruch nimmt.

Das Erleben, Beobachten und Erforschen natürlicher Prozesse in freier Wildbahn lässt mich das fein abgestimmte Zusammenspiel zwischen Fauna, Flora, Klima und bestehender Landschaft besser verstehen, wo (fast) nichts dem Zufall überlassen wird und die kleine Blattlaus ebenso ihre Existenzberechtigung hat wie der mächtige afrikanische Savannenelefant. Dadurch lerne ich mich selber besser kennen und versuche, diese Achtung vor allem Lebenden, zusammen mit meiner Faszination des Schöpfungsreichtum der Natur, in meine Arbeit mit Gästen und anderen Wildnisführern einfließen zu lassen.

Können wir uns als Mensch mit unserer Fähigkeit, tiefgreifende Veränderungen in natürlichen Ökosystemen mit Hilfe der Technik nahezu ‘über Nacht‘ herbeizuführen, zurücknehmen, haben wir Zeit gewonnen, die noch bestehenden Paradiese für die kommenden Jahrzehnte auch zukünftigen Generationen erfahrbar zu machen.

Meine Arbeit dient diesem Gedanken und ich hoffe, dass ich den einen oder anderen Anstoß gegeben habe, dem südlichen Kontinent, seinen Nationalparks und ihren Bewohnern einen Besuch abzustatten, um selber einzutauchen in das Abenteuer des afrikanischen Busches und um sich verzaubern zu lassen von seiner unbeschreiblichen Schönheit.

 

bild_23

 

Frank Weitzer

Field-Guide South Africa (FGASA)

Safaris, Workshops, Diashows

Liwonde-Nationalpark, Malawi

0049-176-9634-3525

Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. #'; document.write( '' ); document.write( addy_text5167 ); document.write( '<\/a>' ); //--> Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Hier nocheinmal alle Bilder zum Durchklicken:

{yoogallery src=[images/stories/gallery/reiseberichte/2012suedafrika/] width=[100]}

Copyright © Trekkinghaus Greifswald Camping / Klettern / Outdoor/ Travel /Freizeit 2019

Template by Joomla Themes & Projektowanie stron internetowych.

fragman fatih gelinlik modelleri e ticaret paketleri e devlet e devlet digiturk uyelik lig tv abonelik digiturk bayilik digiturk paketleri bilinmeyen numaralar